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Bestürzende Neubauten, Ulf Jonak

Loben wir das Kleine, ducken wir uns hinein in die Menge, drängeln uns zwischen die Zäune der Nachbarn. Denn wir meinen, unpassend sei es, die allgemeine Verhunzung zu dominieren. Anpassen wollen wir uns, jedenfalls wollen wir so tun als ob. Star zu sein ist antiquiert, ja, Star zu sein ist nur noch peinlich. Spotten wir über Fosters Gurke in London oder Gehrys verblühte Orchidee in Bilbao. Allemal pflichten wir Enzensberger bei, dass wir alle Kleinbürger seien: zwar mit dem lächerlichen Hang zum Höheren, doch mit der ironischen Distanz, mit der wir uns von außen (das heißt, natürlich von oben) betrachten.

Wir erinnern uns noch an die grauen Eminenzen der Architektur, wie sie eitel renommierten, sich nicht an Wettbewerbsvorgaben zu halten. Wie sie selbstverständlich trotzdem siegten. Wie sie Bauordnungen als Aufforderung verstanden, unliebsame Regeln zu verletzen oder zu bekämpfen. Doch nun, wo vorrangig Freizeit und Spaß die Gemüter wärmen, gibt es ein neues Gefallen am eindeutigen Regelwerk. Spaß haben ist wichtig. Alles wird zum Spiel und Spiele brauchen nun mal Regeln. Ohne Spielregeln kein Spaß am Spiel, ohne Gebrauchsanweisung kein Spaß am Gerät.

Entwerfen heißt auch Rauswerfen, bis alle eigenen Figuren sicher im Zielquadrat versammelt sind, vergleichbar dem Mensch-Ärger-Dich-Nicht-Spiel. Architektur Planen ist ein raffiniertes Spiel, ein listiger Kampf: einer gegen alle. So stoßen wir im Lande immer häufiger auf irritierende und dennoch den Bauordnungen verpflichtete Bauwerke. Irritierend an Ihnen ist, dass sie auf heimtückische Art widerständig sind, dass sie eben durch übertrieben standhaft demonstrierte Konformität das Absurde im Alltäglichen aufdecken.

Hübsch hässlich habt ihr es hier, spottete einst Theodor Heuss, zu Besuch in einer deutschen Kleinstadt. Hübsch ist nicht schön, hübsch ist die etwas albern verzerrte Schönheit. Schön Sein allein wirkt allzu konventionell. Bewusst hässlich Sein mag unkonventionell, kann aber gerade deshalb anziehend sein. So ist nicht verwunderlich, dass die Jungen heute die rotzig dekomponierte der routiniert komponierten Gestalt vorziehen.

Das hat wenig mit Dekonstruktivismus zu tun. Zu elegant und graziös, zu ballerinenhaft ist den jungen Architekten dessen Anmutung, zu sehr auf die Spitze getrieben, zu geschliffen dessen Formen, zu sehr dem „kontrastbedingten Gleichgewicht“ verpflichtet, als dass er noch jemand vor den Kopf stößt. Doch wie schön ist es, jemand vor den Kopf zu stoßen und dabei auf das eingehaltene Regelwerk der Bauordnung verweisen zu können! So sehen Siege aus.

Peter Cook bezeichnet den Architekten als „inspirierten Tüftler“. Das mag so sein. Der Architekt arbeitet heute in unübersichtlichem Gelände. Bricolage prägt hier den Ort. Der große Wurf wird zum kleinen im Gedränge der zugestellten Landschaft. In Mitteleuropa fehlt es mittlerweile an den gewohnten großartigen, heroischen Bauaufgaben. Tatsächlich kommt es darauf an, den Bestand zu ergänzen, zu erneuern oder zu wahren. Der Bestand aber ist zerschlissen, banal und unspektakulär.


Einst waren Folgerichtigkeit und Wahrhaftigkeit  unumstößliche Prinzipien der Architektur. Noch der schlichteste Provinzbaumeister wähnte Weltenbaumeister zu sein, pochte auf seinen Purismus und verbrämte mit dem Reinheitsgebot von Oberflächen, Materialität, Strukturen und Konstruktion seine kleinen Einfälle.  Eine neue Generation heute belächelt die voran gegangene, ihre sture Ernsthaftigkeit, zeigt aber durchaus für deren Kämpfe Verständnis. Denn damals haben sie den Boden bereitet, die Bauten durchlüftet, die Räume entrümpelt und damit eine andere Welt vorbereitet. Nun aber kommt es darauf an, die Welt anders zu interpretieren.
Das, was zu Zeiten der Moderne erobert wurde, wird zwar nicht aufgegeben, aber überlagert vom pfiffig Banalen, Angepassten, Schmarotzenden, Verdrehten, absichtlich Missverstandenen und Ephemeren.

Die Bauten sind glatt gekantet wie eh und je, doch ihre gestörte Geometrie am Reißbrett zu entwerfen wäre (anders als früher) mittlerweile allzu mühevoll. Computerprogramme hingegen erlauben manche Leichtsinnigkeit, manchen Schlenker oder irritierenden Querschuss. So wird die Statik, so wird die Wahrnehmung überlistet: bescheiden daher kommende, alltägliche Gebäude, die erst auf den zweiten Blick ihre Frivolitäten offenbaren. Mauerscheiben kippen bedrohlich, Volumen rutschen über ihre Fundamente hinaus, hängen katastrophal in der Luft. Das ehemals verfluchte Ornament schiebt sich erneut die Senkrechten hoch. Oder schmückende Strukturen werden vor Mauern und über Dächer geschichtet. Gitterroste, Latexmaterialien, Gabionen, nichts bleibt dem Bauherren erspart. Banalität wird zur Manier. Selbst Nicht-Orte sind nicht mehr verpönt. Die makellos gefügte Kulturkiste auf dem Weltkriegsbunker inmitten aufgegebener oder umgewandelter Lagerhallen und gestapelter Container gewinnt nicht zuletzt durch ‚Komplexität und Widerspruch’ ihren Charme (Abb.).

Wenn alles banal wird, wird das weniger Banale zum Außerordentlichen. Man ergötzt sich an der Camouflage, am geschliffenen, aber billigen oder ruppigen Material, an zerschnittenen oder eingedrückten Oberflächen, an deutlich artikulierten Widersprüchen und am womöglich ironisch gefärbten Understatement.
Machen wir einfach mit! Vielleicht ratlos, jedoch zynisch die bestehende zur besten aller Welten zu erklären, und sei es auch nur für zwei, drei Tage, gehört mit zum Spiel, verschafft Luft und Sicherheit. Ab und zu gönnen wir uns ein wenig intellektuellen Schlendrian und beobachten neidvoll das falsche im richtigen Leben: Big Brother im Whirlpool und little Sister im Tattoostudio. Auch so etwas verlangt Fassung, architektonische Fassung. Endlich ist Venturi in Europa angekommen.


© Baumeister 6/2004


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